ADS (heute meist unter dem Begriff ADHS zusammengefasst) galt lange als „Kinderproblem“. Wer es nicht „herausgewachsen“ hat, so die Annahme, hatte sich einfach nicht genug angestrengt.
Heute wissen wir: Das stimmt so nicht.
Immer mehr Erwachsene erkennen sich erst spät in Beschreibungen von ADS wieder – oft nach Jahren von Überforderung, Selbstzweifeln oder dem Gefühl, „irgendwie anders“ zu sein. Doch wie belastbar ist dieses Wissen eigentlich? Und was sagt die aktuelle Forschung wirklich dazu?
Eine sehr neue, große Übersichtsarbeit hat genau das untersucht – und bringt mehr Klarheit in eine oft emotional geführte Debatte.
Diese Woche erschien eine sogenannte Umbrella Review in einem der renommiertesten medizinischen Fachjournale (BMJ).
Das Besondere daran: Hier wurden nicht einzelne Studien, sondern zahlreiche systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen zusammengeführt. Ziel war es, die bestmögliche Gesamteinschätzung zu ADHS-Behandlungen über die Lebensspanne zu geben – auch für Erwachsene.
Untersucht wurden:
* medikamentöse Behandlungen
* psychotherapeutische Ansätze
* weitere nicht-medikamentöse Interventionen
* Wirksamkeit und Nebenwirkungen
* Qualität und Sicherheit der vorhandenen Evidenz
Zentrale Erkenntnisse für Erwachsene mit ADS
1. Medikamente können helfen – aber sie sind kein Wundermittel
Für Erwachsene zeigen Stimulanzien wie Methylphenidat sowie Atomoxetin eine nachweisbare kurzfristige Verbesserung der Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit und Impulsivität.
Aber Medikamente können nur entlasten, ersetzen aber weder Selbstverständnis noch Alltagsstrategien – und sie passen nicht zu jeder Lebenssituation.
2. Psychotherapie ist mehr als „Begleitprogramm“
Besonders kognitive Verhaltenstherapie (CBT) für Erwachsene mit ADHS wird als eine der robusteren nicht-medikamentösen Optionen bewertet.
Dabei geht es nicht um „sich zusammenreißen“, sondern um Struktur und Selbstorganisation, den Umgang mit Aufschieben und Überforderung, realistischer Zielsetzung und der Arbeit an Selbstwert und innerem Druck.
3. Viele Ansätze klingen gut – sind aber noch nicht gut erforscht
Achtsamkeit, Coaching, Trainingsprogramme, digitale Tools oder Sportinterventionen zeigen teils vielversprechende Effekte.
Die Studie macht jedoch deutlich: Die wissenschaftliche Absicherung ist oft noch schwach. Das heißt nicht, dass diese Ansätze „nichts bringen“. Es heißt nur, dass Wirkung und Grenzen ehrlich kommuniziert werden sollten – und zwar ohne Heilsversprechen.
4. Der größte blinde Fleck: Langzeitperspektiven
Ein zentrales Ergebnis der Review ist, dass es kaum hochwertige Langzeitstudien zu Erwachsenen mit ADHS gibt.
Das ist relevant, weil ADS keine Phase ist, sondern für viele eine lebenslange neurobiologische Besonderheit. Umso wichtiger sind individuelle, anpassbare Wege statt kurzfristiger Lösungen.
Was bedeutet das für Betroffene?
ADS im Erwachsenenalter ist keine Modeerscheinung, aber auch keine einfache Diagnose mit einer einfachen Lösung.
Die aktuelle Forschung spricht für individuelle Entscheidungen statt Pauschallösungen, eine Kombination aus Wissen, Struktur, ggf. Therapie und Selbstakzeptanz und regelmäßiges Überprüfen: Was hilft mir – und was nicht mehr?
Nicht die perfekte Methode verändert das Leben – sondern ein passender, ehrlicher Umgang mit den eigenen Voraussetzungen.
ADS ist kein Defizit – aber auch kein „Superpower“-Mythos
Die Forschung zeigt klar: ADS bringt echte Herausforderungen, gerade im Erwachsenenalltag.
Gleichzeitig erleben viele Betroffene Kreativität, Intensität, Empathie und ungewöhnliche Denkwege.
Beides darf nebeneinander stehen.
Und genau dort beginnt Entwicklung – die auf ADHS spezialisierte Coaches ideal begleiten und kanalisieren können.