…. also habe ich mich am Wochenende bei TikTok angemeldet.

Als DER JUGENDCOACH bin ich seit vielen Jahren in sozialen Medien unterwegs. Jugendliche leben selbstverständlich auch digital, und wenn ich ihre Lebenswelt verstehen will, kann ich mich nicht grundsätzlich aus dieser Welt zurückziehen. Instagram gehört längst zu meiner Arbeit, dort erreiche ich junge Menschen, Eltern und Fachkräfte. Deshalb erschien es mir eigentlich nur logisch, nun auch TikTok dazuzunehmen. Mein Gedanke war: Wenn so viele Jugendliche dort sind, dann sollte vielleicht auch jemand dort sein, der ihnen Orientierung, Motivation und etwas Sinnvolles mitgibt.

Nach nun einem Tag habe ich die App wieder gelöscht und anschließend auch die TikTok-Links von meinen Websites entfernt.

Nicht, weil auf TikTok ausschließlich Unsinn stattfindet – das wäre falsch und unfair. Natürlich gibt es dort kreative Menschen, gute Bildungsangebote, Humor, Musik, gesellschaftliche Diskussionen und Inhalte, von denen Jugendliche profitieren können, aber das, was mir innerhalb kürzester Zeit in meinem Feed begegnete, hat mich ehrlich gesagt erschreckt. Belanglosigkeiten. Provokationen. Menschen, die sich für ein paar Sekunden Aufmerksamkeit selbst inszenieren. Clips, deren einziger erkennbarer Sinn darin bestand, angeschaut zu werden. Grenzüberschreitungen, sexualisierte Darstellungen, gegenseitiges Bloßstellen und immer wieder Inhalte, bei denen ich mich fragte:

Warum verbringe ich gerade Lebenszeit damit?

Und genau diese Frage ist für mich viel wichtiger als die Frage, ob TikTok „gut“ oder „schlecht“ ist.

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Das eigentliche Produkt ist unsere Aufmerksamkeit

TikTok versteht sehr gut, was Menschen dazu bringt, weiterzuschauen. Ein Video dauert vielleicht nur einige Sekunden. Danach kommt das nächste. Und das nächste. Es gibt keinen natürlichen Schlusspunkt. Kein „Kapitel beendet“. Kein Ende einer Seite. Einfach weiterwischen.

Im Februar 2026 hat die Europäische Kommission genau dieses Thema aufgegriffen. Sie kam in ihrer Untersuchung vorläufig zu dem Ergebnis, dass TikTok mit seinem Design gegen Vorgaben des europäischen Digital Services Act verstoßen könnte. Genannt werden ausdrücklich der unendliche Feed, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und das hochgradig personalisierte Empfehlungssystem. Nach Einschätzung der Kommission können diese Mechanismen zwanghaftes Nutzungsverhalten fördern und die Selbstkontrolle beeinträchtigen – besonders relevant ist das für Minderjährige und andere vulnerable Nutzergruppen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der TikTok benutzt, abhängig wird, aber wir sollten aufhören so zu tun, als sei es Zufall, wenn wir eigentlich nur fünf Minuten schauen wollten und eine halbe Stunde später immer noch durch Videos scrollen. Die Plattform möchte unsere Aufmerksamkeit, denn Aufmerksamkeit ist im digitalen Zeitalter eine Währung.

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Der Algorithmus zeigt dir nicht unbedingt, was gut für dich ist

Besonders kritisch sehe ich als Jugendcoach die Funktionsweise des „Für dich“-Feeds. Der Algorithmus lernt aus unserem Verhalten: Was schauen wir lange an? Was überspringen wir? Was sehen wir mehrfach? Worauf reagieren wir? Und daraus entsteht innerhalb kurzer Zeit eine immer stärker personalisierte Welt. Das kann faszinierend sein – es kann aber auch problematisch werden.

Amnesty International untersuchte beispielsweise, was geschieht, wenn Testkonten von Jugendlichen Interesse an psychisch belastenden Inhalten zeigen. Bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass solche Accounts sehr schnell in sogenannte „Rabbit Holes“ gelangen können – also eine Spirale immer ähnlicherer Inhalte. In einer 2025 veröffentlichten Untersuchung mit jugendlichen Testkonten in Frankreich tauchten innerhalb weniger Stunden Inhalte auf, die Depression, Selbstverletzung oder Suizid thematisierten oder teilweise romantisierten.

Das halte ich für einen entscheidenden Punkt: Ein Algorithmus fragt nicht zuerst „Was tut diesem jungen Menschen langfristig gut?“, sondern er versucht vorherzusagen: „Was hält diesen Menschen auf der Plattform?“ Das ist ein erheblicher Unterschied.

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Jugendliche sind für solche Mechanismen besonders empfänglich

Das hat nichts damit zu tun, Jugendliche für unmündig zu erklären. Jugendliche befinden sich schlicht in einer Entwicklungsphase, in der Anerkennung, Zugehörigkeit, soziale Rückmeldung und unmittelbare Belohnungen eine enorme Bedeutung besitzen. Die American Psychological Association weist deshalb darauf hin, dass bestimmte Funktionen sozialer Netzwerke – darunter Likes, empfohlene Inhalte und endloses Scrollen – bei Jugendlichen besonders sorgfältig betrachtet werden müssen. Gleichzeitig entwickelt sich die Fähigkeit zur Selbstregulation noch bis ins Erwachsenenalter weiter. Genau deshalb finde ich einen Satz problematisch, den Erwachsene gerne benutzen: „Dann sollen sie halt einfach das Handy weglegen.“ So einfach ist es nicht!

Wenn auf der anderen Seite hochprofessionelle Systeme arbeiten, deren Aufgabe darin besteht, Aufmerksamkeit möglichst lange zu halten, können wir die komplette Verantwortung nicht bei einem 13-, 14- oder 15-jährigen Jugendlichen abladen. Wir müssen ihnen beibringen, diese Mechanismen zu verstehen. Und natürlich existieren problematische Mechanismen nicht ausschließlich bei TikTok. Auch andere soziale Netzwerke arbeiten mit algorithmischen Feeds, Autoplay, Empfehlungen und Endlos-Scrolling. Im Juli 2026 äußerte die Europäische Kommission beispielsweise ähnliche vorläufige Bedenken zum suchterzeugenden Design von Instagram und Facebook.

Es wäre deshalb zu einfach, TikTok zum alleinigen Bösewicht der digitalen Welt zu erklären – darum geht es mir auch gar nicht!

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ABER: „Ich entscheide selbst, was ich in mein Leben lasse.“

Das ist der Satz, der mir nach diesem Wochenende geblieben ist: Welche Menschen, welche Gedanken, welche Nachrichten, welche Bilder, welche Töne und Geräusche – letztlich welche Apps. Und auch, womit ich meine begrenzte Lebenszeit verbringe.

Wir reden mit Jugendlichen häufig darüber, Grenzen gegenüber anderen Menschen zu setzen. Vielleicht müssen wir ihnen viel stärker vermitteln, dass sie auch gegenüber digitalen Angeboten Grenzen setzen dürfen. Nicht alles, was verfügbar ist, muss konsumiert werden. Nicht überall, wo Millionen Menschen sind, muss ich ebenfalls sein. Nicht jeder Trend verdient meine Aufmerksamkeit. Und nicht jede Plattform braucht einen Platz in meinem Leben.

Für mich persönlich war deshalb nach einem Tag klar: TikTok bekommt diesen Platz nicht.

Das ist keine Forderung, TikTok zu verbieten. Es ist auch keine Verurteilung der Menschen, die dort gerne unterwegs sind. Es ist schlicht meine Entscheidung. Und vielleicht ist genau das eine Fähigkeit, die wir jungen Menschen heute stärker vermitteln sollten: Nicht nur zu lernen, wie man mit der digitalen Welt umgeht, sondern immer wieder innezuhalten und sich zu fragen: Tut mir das, was ich gerade jeden Tag in mein Leben lasse, eigentlich gut?

Und wenn die Antwort „Nein“ lautet, gibt es manchmal eine erstaunlich einfache Möglichkeit: Löschen.

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Markus Knauth arbeitet seit 25 Jahren mit Jugendlichen und Familien. In den vergangenen Jahren beschäftigt er sich in seiner Arbeit als Jugendcoach zunehmend mit den Auswirkungen sozialer Medien auf junge Menschen. In Blogbeiträgen, Workshops und Coachings geht es dabei unter anderem um Mediennutzung, Selbstwahrnehmung, Aufmerksamkeit, soziale Vergleiche und einen bewussten Umgang mit digitalen Angeboten.
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(Bilderstellung mit KI)