55 Prozent der Jugendlichen sprechen sich für eine Altersgrenze oder sogar ein Verbot sozialer Medien aus. Und ausgerechnet die Jugendlichen selbst nennen im Durchschnitt 14 Jahre als sinnvolle Grenze. Als Jugendcoach hat mich dieses Ergebnis tatsächlich überrascht.
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Jugendlichen, ihren Lebenswelten und natürlich auch mit Smartphones, TikTok, Instagram, YouTube und Co. Diskussionen über Social Media kenne ich daher zur Genüge. Meist verlaufen sie nach einem bekannten Muster: Erwachsene warnen, Jugendliche verteidigen ihre digitale Welt.
Die aktuelle Untersuchung der Techniker Krankenkasse zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild.
Für den „Social-Media-Report: Jugend zwischen Like und Limit“ wurden im April und Mai 2026 insgesamt 1.400 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren in Deutschland befragt. Das Ergebnis, das mich am meisten aufhorchen lässt: 47 Prozent wünschen sich eine Altersgrenze für Social Media. Im Durchschnitt nennen sie dafür 14 Jahre. Weitere acht Prozent sprechen sich sogar für ein grundsätzliches Verbot sozialer Medien für Kinder und Jugendliche aus. Zusammengenommen sind das 55 Prozent – nicht irgendwelche besorgten Eltern. Nicht Pädagogen. Nicht Politiker. Die Jugendlichen selbst!
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Gleichzeitig sagen 80 Prozent: Social Media tut mir gut
Genau hier wird die Untersuchung für mich besonders interessant, denn wer daraus jetzt die einfache Botschaft „Jugendliche finden Social Media schlecht“ macht, hat die Studie nicht verstanden. 80 Prozent der Befragten sagen gleichzeitig, dass ihnen soziale Medien eher gut oder sehr gut tun. Das ist zunächst ein scheinbarer Widerspruch. Tatsächlich beschreibt es meiner Ansicht nach ziemlich genau die Lebenswirklichkeit vieler Jugendlicher.
Social Media ist eben nicht nur schlecht. Jugendliche haben dort Spaß, halten Kontakt mit Freundinnen und Freunden, finden Inspiration, informieren sich, entdecken Interessen und erleben Gemeinschaft. Laut Befragung nutzen 77 Prozent soziale Netzwerke, um Spaß zu haben, 75 Prozent zum Zeitvertreib und 64 Prozent, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben.
Soziale Medien sind längst Teil der jugendlichen Lebenswelt, deshalb halte ich auch wenig davon, TikTok, Instagram oder YouTube pauschal zum Feindbild zu erklären. Aber Jugendliche scheinen gleichzeitig sehr genau zu spüren, wann aus Unterhaltung Belastung wird.
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Jugendliche sehen die Probleme erstaunlich klar
Gefragt danach, was sie an Social Media nervt oder stresst, nennen die Jugendlichen sehr konkrete Punkte:
- 57 Prozent stört zu viel Werbung.
- 52 Prozent kritisieren gefälschte Bilder, falsche oder irreführende Informationen und Fake News.
- 36 Prozent empfinden ihre eigene Online-Zeit als zu hoch.
- 35 Prozent nennen Mobbing und Beleidigungen.
- 31 Prozent belastet es, Bilder oder Videos zu sehen, die sie eigentlich nicht sehen möchten.
Gerade der Punkt der eigenen Nutzungszeit ist interessant. Mehr als jeder dritte Jugendliche sagt also selbst: Ich verbringe dort zu viel Zeit. Das deckt sich mit einer Beobachtung, die ich in meiner Arbeit immer wieder mache. Jugendliche sind keineswegs grundsätzlich unreflektiert im Umgang mit ihrem Smartphone. Viele wissen sehr genau, dass ihnen bestimmte Gewohnheiten nicht guttun. Das Problem ist häufig nicht die fehlende Einsicht, sondern die Umsetzung.
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Ab vier Stunden täglich wird es auffällig
Besonders nachdenklich machen mich die Ergebnisse zur intensiven Nutzung. Von den Jugendlichen, die mindestens vier Stunden täglich in sozialen Medien verbringen, berichten 49 Prozent häufig oder ständig von schlechter Laune. Bei Jugendlichen mit ein bis zwei Stunden täglicher Nutzung sind es dagegen lediglich 20 Prozent. 41 Prozent der Jugendlichen mit mindestens vier Stunden Social Media täglich berichten außerdem von Unsicherheit und Zweifeln.
Mit längerer Nutzungsdauer treten in der Befragung auch andere Belastungen häufiger auf: ein negatives Selbstbild, Gereiztheit, innere Unruhe, Erschöpfung sowie körperliche Beschwerden wie Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Verspannungen oder gereizte Augen. An dieser Stelle ist eine wichtige wissenschaftliche Einschränkung notwendig: Aus diesen Daten lässt sich kein ursächlicher Zusammenhang ableiten.
Wir können also nicht behaupten: Vier Stunden Social Media verursachen schlechte Laune. Es könnte beispielsweise auch sein, dass Jugendliche, denen es ohnehin nicht gut geht, häufiger soziale Medien nutzen. Wahrscheinlich sind die Zusammenhänge wesentlich komplexer. Trotzdem sollten wir solche Unterschiede ernst nehmen.
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Was Jugendliche wollen: Unterstützung statt Verbote
Für mich steckt eine der wichtigsten Botschaften der gesamten Untersuchung auf Folgendem. Die Jugendlichen wurden gefragt, was ihnen helfen würde, Social Media gut und sicher zu nutzen. Ihre Antworten:
- 48 Prozent wünschen sich Videos über die Gefahren sozialer Medien.
- 46 Prozent wünschen sich ausgebildete Ansprechpartner wie Medienscouts an Schulen.
- 43 Prozent wünschen sich mehr Gespräche mit ihren Eltern.
- 42 Prozent halten Social-Media-Workshops oder Projekte für hilfreich.
- 36 Prozent wünschen sich leicht erreichbare Hilfsangebote, beispielsweise per Chat.
- Nur 12 Prozent sind der Ansicht, überhaupt keine Unterstützung zu benötigen.
Das sollten wir Erwachsene uns einmal auf der Zunge zergehen lassen. Jugendliche sagen uns nicht: „Lasst uns einfach in Ruhe.“ Viele sagen vielmehr: Helft uns, mit dieser digitalen Welt vernünftig umzugehen.
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Gerade die 43 Prozent für mehr Gespräche mit Eltern finde ich bemerkenswert
Eltern erleben rund um das Smartphone häufig Machtkämpfe. „Leg das Handy weg.“, „Du hängst schon wieder am Handy.“ oder „Jetzt reicht es aber.“ Was gut gemeint ist, kommt beim Jugendlichen schnell als Kontrolle oder Kritik an. Dann wird aus einer berechtigten Sorge ein Konflikt über Bildschirmzeiten. Die aktuelle Befragung zeigt aber, dass Jugendliche Gespräche mit ihren Eltern keineswegs grundsätzlich ablehnen.
Vielleicht kommt es vielmehr darauf an, wie wir diese Gespräche führen.
Nicht: „Warum bist du schon wieder auf TikTok?“, sondern: „Was gefällt dir dort eigentlich?“ oder „Gibt es dort auch Dinge, die dich nerven?“ oder „Hast du schon einmal etwas gesehen, das dich belastet hat?“ oder „Merkst du manchmal selbst, dass du länger scrollst, als du eigentlich möchtest?“ oder „Was könnte dir helfen, früher aufzuhören?“ oder… Damit verändert sich nämlich etwas Entscheidendes: Aus Kontrolle wird Interesse.
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Verbieten oder nicht verbieten?
Die politische Diskussion über eine gesetzliche Altersgrenze wird uns weiter begleiten. Ich halte es allerdings für zu einfach, die gesamte Frage auf „Social Media erlauben oder verbieten?“ zu reduzieren, denn selbst eine Altersgrenze beantwortet noch nicht die entscheidenden Fragen: Wie werden Jugendliche auf die digitale Welt vorbereitet? Wer erklärt ihnen, wie Algorithmen funktionieren? Wer spricht mit ihnen über manipulierte Bilder und Fake News? Wer hilft bei Cybermobbing? Wer erklärt, warum Plattformen ein wirtschaftliches Interesse daran haben, dass Nutzer möglichst lange bleiben? Und vor allem: Wer ist da, wenn ein Jugendlicher merkt, dass ihm seine Nutzung nicht mehr guttut? Medienkompetenz entsteht nicht am 14. Geburtstag automatisch. Sie muss gelernt werden.
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Vielleicht sollten wir Jugendlichen öfter zuhören
Das ist für mich die eigentlich bemerkenswerte Botschaft dieser Studie. Jugendliche sehen Social Media offenbar wesentlich differenzierter, als wir ihnen manchmal zutrauen. Sie sagen gleichzeitig: Social Media tut uns gut. Und: Social Media kann uns belasten. Sie wollen dazugehören, Spaß haben und mit Freunden kommunizieren. Und trotzdem wünschen sich viele Grenzen, Schutz und Unterstützung. Das ist kein Widerspruch – das ist bemerkenswert reflektiert.
Als Jugendcoach überrascht mich deshalb weniger, dass Jugendliche die Probleme sozialer Medien erkennen. Ich erlebe immer wieder, wie genau junge Menschen ihre Lebenswelt beobachten können, wenn Erwachsene bereit sind, ihnen wirklich zuzuhören. Überrascht hat mich die Deutlichkeit.
Mehr als jeder zweite Jugendliche wünscht sich selbst eine Form von Begrenzung.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, die Diskussion über die Köpfe Jugendlicher hinweg zu führen und anfangen, sie gemeinsam mit ihnen zu führen. Denn die wichtigste Frage lautet möglicherweise gar nicht: „Ab welchem Alter darf mein Kind Social Media nutzen?“, sondern: „Was braucht mein Kind, damit Social Media ein Teil seines Lebens bleibt – und nicht sein Leben bestimmt?“
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