Auf dem Bild sehen wir einen zehnjährigen Jungen, der neben einer Hündin sitzt und ihn streichelt. Links steht ein Security-Mitarbeiter. Dessen Anwesenheit gehört zu einem Sicherheitsrahmen, der in diesem Fall rund um die Uhr notwendig geworden ist: 24/7.
Diese beiden Seiten gehören zur selben Wirklichkeit. Da ist ein Kind in einem alltäglichen Moment mit einem Tier. Und da ist ein Hilfebedarf, der eine dauerhafte Sicherheitsbegleitung erforderlich macht.
Das Foto zeigt einen Augenblick – die Gründe für diesen außergewöhnlichen Rahmen lassen sich daraus nicht ablesen.
Als Jugendcoach beschäftigt mich nach einem Nachmittag und Abend mit dem Jungen vor allem eine Frage: Welche Zukunft eröffnen wir einem Kind, dessen Alltag mit zehn Jahren bereits unter solchen Bedingungen stattfindet?
Für Kinder wie Chris – seinen Namen habe ich geändert – wird häufig das Wort „Systemsprenger“ verwendet. Ein mächtiges Wort, das schnell alles andere überdeckt. Wer es hört, denkt möglicherweise zuerst an Eskalation, Gefahr und gescheiterte Hilfe. Der junge Mensch dahinter gerät nach vielen Negativerfahrungen und Enttäuschungen unter Umständen aus dem Blick. Dabei lenkt auch die fachliche Auseinandersetzung mit dem Begriff den Blick auf die Grenzen und die Hilflosigkeit der beteiligten Hilfesysteme – ziemlich kontraproduktiv, wie ich finde.
Für mich folgt aus dem heutigen Arbeitstag eine klare Haltung: Wir müssen schwieriges Verhalten ernst nehmen, ohne daraus die gesamte Identität eines Kindes zu formen. Dass Chris nach zahlreichen Versuchen derzeit weder beschult noch im Einzelsetting unterrichtet oder entsprechend gefördert wird, macht mich sprachlos und traurig.
Mein Appell für alle, die im Helferkreis des Jungen mitarbeiten soll lauten: Wir müssen über Schutz sprechen und zugleich darüber, wie Entwicklung unter diesen Bedingungen möglich bleiben kann. Denn ein Zehnjähriger hat seine Zukunft noch vor sich. Welche Erwartungen wir an ihn richten und welche Möglichkeiten wir ihm anbieten, darf sich nicht allein daran orientieren, wie schwierig seine Begleitung gegenwärtig ist.
Wenn Security rund um die Uhr notwendig ist, lässt sich die Situation nicht mit einem wohlmeinenden Appell lösen – das zu denken, wäre naiv. Der Schutz des Kindes, der Mitarbeitenden und anderer Menschen muss selbstverständlich gewährleistet sein. Niemand sollte verlangen, dass pädagogische Fachkräfte Gefährdungen einfach aushalten, weil Beziehungsarbeit angeblich alles auffangen könne.
Gleichzeitig müssen wir fragen, welches pädagogische Ziel innerhalb dieses Sicherheitsrahmens verfolgt wird.
- Was soll das Kind lernen können?
- Welche Erfahrungen sollen ihm helfen, seinen Alltag zunehmend anders zu bewältigen?
- Wie wird überprüft, ob die Begleitung Entwicklung ermöglicht?
Nach 25 Jahren in der ambulanten Jugendhilfe ist für mich entscheidend, dass Sicherheit und pädagogische Arbeit gemeinsam gedacht werden. Ein Schutzrahmen braucht eine klare Richtung. Er muss aber Raum dafür lassen, dass ein Kind Vertrauen entwickeln, Grenzen verstehen, eigene Fähigkeiten entdecken und schrittweise mehr Verantwortung übernehmen kann.
Mein Resume nach 9 Stunden mit Chris – nachdem ich ihn gerade ins Bett gebraucht und ihm der Nachtschicht der Security-Firma übergeben habe: Das Bild mit der Hündin Elli erlaubt keine Aussage darüber, wie sich dieser Junge in anderen Situationen verhält. Es zeigt auch keinen Beweis dafür, dass eine bestimmte Methode wirkt. Es hält einen Moment fest, in dem ein Kind neben einem Tier sitzt und es berührt. Aber auch solche Momente gehören in unseren Blick auf einen jungen Menschen.
Ich möchte, dass wir in der Hilfeplanung ebenso konkret über Entwicklungsmöglichkeiten sprechen wie über Schwierigkeiten:
- Wo und wie kann dieses Kind etwas lernen?
- Welche seiner Interessen nutzen wir als Ressourcen?
- Wann und wie gelingt Zusammenarbeit?
Für mich beginnt die Zukunft von Chris in solchen Fragen. Sie wird greifbar, wenn ein Junge etwas bewältigt, eine Aufgabe übernimmt, einen Konflikt anders lösen lernt oder erlebt, dass seine Sicht gehört wird.
Als Jugendcoach will ich daran mitarbeiten, dass Kinder und Jugendliche mehr erleben als die Verwaltung ihrer Schwierigkeiten. Sie brauchen Möglichkeiten, Fähigkeiten aufzubauen, Zugehörigkeit zu erfahren und einen Platz im Leben zu finden.
Chris hat heute auf einem Gartenfest mit Gleichaltrigen gespielt, er hat jüngeren Kindern geholfen. Er ist am Grill gestanden und hat erlebt, dass er gebraucht wird. Er hat gelacht, wurde zum Abschied umarmt und ist gerade todmüde ins Bettgefallen.
Ich hoffe, er träumt heute Nacht von Elli, die ihm am frühen Nachmittag des 3. Oktobers 2026 die Tür zu einem „ganz normalen“ Samstag geöffnet hatte.
