Der Übergang von der Schule in die Ausbildung gilt eigentlich als wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben. Zum ersten Mal eigenes Geld verdienen, Verantwortung übernehmen, einen Beruf lernen und erleben, dass man gebraucht wird.

Für viele junge Menschen funktioniert genau das auch. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt sogar: Rund 90 Prozent der befragten Auszubildenden sind grundsätzlich mit ihrer Ausbildung zufrieden. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung aber eine zweite Realität, die wir nicht übersehen dürfen. Rund jeder siebte Auszubildende berichtet von einem besorgniserregend schlechten Wohlbefinden. Knapp 20 Prozent fühlen sich durch ihre Ausbildung häufig oder fast immer emotional belastet. Und unter denjenigen, deren Wohlbefinden stark eingeschränkt ist, denken fast drei Viertel ernsthaft darüber nach, ihre Ausbildung abzubrechen. Das sind Zahlen, bei denen wir genauer hinschauen sollten.

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Die Ausbildung ist nicht automatisch die Ursache

Ein Punkt der Untersuchung ist mir dabei besonders wichtig. Die Autorinnen und Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass psychische Belastungen bereits vor Beginn einer Ausbildung vorhanden sein können. Das deckt sich mit dem, was ich in meiner Arbeit mit Jugendlichen immer wieder erlebe. Ein junger Mensch beginnt seine Ausbildung nicht mit einem völlig unbelasteten Rucksack. Er nimmt seine bisherigen Erfahrungen mit. Schulische Misserfolge. Konflikte in der Familie. Trennungen. Einsamkeit. Unsicherheit über die eigene Zukunft. Schwierigkeiten mit dem eigenen Selbstwert. Leistungsdruck. Erfahrungen mit Ausgrenzung. Vielleicht auch psychische Belastungen, die bislang noch niemand wirklich wahrgenommen hat. In der Schule lassen sich manche Schwierigkeiten noch irgendwie kompensieren. Dann beginnt die Ausbildung – und plötzlich verändern sich die Anforderungen grundlegend.

Pünktlich sein. Acht Stunden durchhalten. Kritik aushalten. Verantwortung übernehmen. Mit Kolleginnen und Kollegen zurechtkommen. Hierarchien akzeptieren. Fehler eingestehen. Berufsschule bewältigen. Früh aufstehen. Selbstständig organisieren. Was vorher noch einigermaßen funktioniert hat, kann dann sichtbar werden. Deshalb wäre es zu einfach, bei diesen Zahlen sofort zu sagen: „Die Betriebe machen unsere Jugendlichen krank.“ Die Wirklichkeit ist komplexer.

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Trotzdem müssen wir über Ausbildungsbedingungen sprechen

Denn ebenso falsch wäre die entgegengesetzte Schlussfolgerung: Wenn Belastungen vorher vorhanden waren, hätten Ausbildungsbetriebe damit nichts zu tun. Die Studie zeigt, dass unter den jungen Menschen, die bereits über einen Ausbildungsabbruch nachgedacht oder eine Ausbildung vorzeitig beendet haben, 39,6 Prozent psychische Belastungen als Grund nennen.

  • 33,1 Prozent berichten, dass die Ausbildung völlig anders war, als sie es sich vorgestellt hatten.
  • 31,2 Prozent waren mit den Lern- und Arbeitsbedingungen unzufrieden.
  • 30,8 Prozent empfanden ihre Work-Life-Balance als schlecht.

Hier sollten Ausbildungsbetriebe aufmerksam werden, denn insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene brauchen zu Beginn ihres Berufslebens nicht ausschließlich jemanden, der ihnen erklärt, wie eine Maschine funktioniert, wie eine Rechnung geschrieben wird oder wie ein Arbeitsablauf organisiert werden muss. Sie brauchen Menschen, die sie in die Arbeitswelt hineinführen. Das ist ein Unterschied.

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Ausbildung bedeutet auch Beziehung

Ein guter Ausbilder vermittelt nicht nur Fachwissen. Er gibt Orientierung, er erklärt Regeln, statt ausschließlich auf deren Einhaltung zu bestehen und er korrigiert Fehler, ohne den Menschen dahinter abzuwerten. Er erkennt, wenn sich jemand verändert. Und er kann irgendwann auch einmal die einfache Frage stellen: „Wie geht es dir eigentlich gerade?“ Das klingt banal. Für einen jungen Menschen kann diese Frage enorm viel bedeuten.

Gerade deshalb finde ich einen weiteren Befund der Studie bemerkenswert: Mehr als ein Drittel der jungen Menschen spricht vorhandene Belastungen aus Angst vor möglichen Nachteilen im Betrieb nicht an. Gleichzeitig bewerten viele Auszubildende betriebliche Ansprechpartner, Unterstützung beim Umgang mit Stress und Konflikten sowie externe Beratungsangebote als hilfreich. Damit wird aus meiner Sicht ziemlich deutlich, worum es geht. Nicht jeder Ausbildungsbetrieb braucht einen Psychologen, aber jeder Ausbildungsbetrieb braucht eine Kultur, in der ein junger Mensch sagen darf: „Ich komme gerade nicht klar.“ Ohne sofort befürchten zu müssen, als ungeeignet, schwach oder unmotiviert abgestempelt zu werden.

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Junge Menschen brauchen Verantwortung – aber auch Begleitung

Dabei sollten wir aufpassen, nicht in die andere Richtung zu übersteuern. Jugendliche wachsen nicht daran, dass wir ihnen jede Belastung abnehmen. Eine Ausbildung darf anstrengend sein. Ein Arbeitstag darf auch einmal nerven. Ein Ausbilder darf Erwartungen stellen. Man muss lernen, morgens aufzustehen, Termine einzuhalten, Kritik auszuhalten und Aufgaben zu erledigen, auf die man gerade keine Lust hat. Das gehört zum Erwachsenwerden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie verhindern wir jede Belastung?, sondern: „Wie helfen wir jungen Menschen dabei, mit Belastungen umgehen zu lernen, ohne sie damit allein zu lassen?“ Genau dort beginnt Entwicklung.

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Ein Ausbildungsabbruch fällt selten vom Himmel

In meiner Arbeit als Jugendcoach erlebe ich immer wieder, dass Erwachsene häufig erst reagieren, wenn ein Jugendlicher sagt: „Ich kündige.“ Doch zu diesem Zeitpunkt hat meistens längst eine Entwicklung stattgefunden. Die Motivation sinkt. Der Jugendliche zieht sich zurück. Er schläft schlechter. Fehlzeiten nehmen zu. Sonntagabend entsteht bereits Druck wegen Montagmorgen. Konflikte mit dem Ausbilder oder Kollegen häufen sich. Und irgendwann wird aus dem Gedanken „Ich halte das nicht mehr lange aus“ die Entscheidung: „Ich höre auf.“ Deshalb ist Prävention wesentlich sinnvoller als Krisenmanagement. Nicht jeder schlechte Tag ist eine psychische Krise. Nicht jede Überforderung braucht therapeutische Hilfe. Aber Veränderungen sollten wahrgenommen werden.

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Auch Eltern bleiben wichtig

Mit dem Beginn einer Ausbildung verändert sich die Rolle der Eltern. Der Jugendliche wird selbstständiger. Vielleicht verdient er zum ersten Mal eigenes Geld. Vielleicht möchte er verständlicherweise nicht mehr jeden Arbeitstag mit Mama oder Papa besprechen. Trotzdem endet Elternschaft nicht mit der Unterschrift unter dem Ausbildungsvertrag. Eltern können beobachten. Nicht kontrollieren – beobachten!

  • Kommt mein Sohn permanent erschöpft nach Hause?
  • Zieht sich meine Tochter zunehmend zurück?
  • Hat sich ihre Stimmung deutlich verändert?
  • Spricht sie ständig davon, nichts zu können?
  • Entstehen körperliche Beschwerden vor der Arbeit?
  • Oder ist es vielleicht schlicht ein normaler Konflikt, den ein junger Mensch selbst lösen lernen muss?

Gerade diese Unterscheidung ist wichtig. Nicht jede Schwierigkeit verlangt ein Eingreifen. Aber echte Belastung sollte auch nicht mit dem Satz abgetan werden: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ Dieser Satz hat schon viele Generationen begleitet. Er beantwortet nur leider keine einzige Frage darüber, wie gute Ausbildung heute aussehen sollte.

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Wir verlieren sonst genau die jungen Menschen, die wir dringend brauchen

Deutschland diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel. Unternehmen suchen Auszubildende. Ausbildungsplätze bleiben teilweise unbesetzt. Gleichzeitig brechen junge Menschen Ausbildungen ab oder überlegen ernsthaft, dies zu tun. Die Bertelsmann Stiftung und das IW weisen darauf hin, dass ein Ausbildungsabbruch für Unternehmen im Durchschnitt bereits investierte Ressourcen in einer Größenordnung von rund 20.000 Euro kosten kann. Gleichzeitig steigt für junge Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung das Risiko schwierigerer beruflicher Perspektiven. Man kann das also wirtschaftlich betrachten.

Ich würde trotzdem einen Schritt früher anfangen: Hinter jedem Ausbildungsabbruch steht ein junger Mensch. Vielleicht hat er den falschen Beruf gewählt. Vielleicht den falschen Betrieb. Vielleicht braucht er Unterstützung. Vielleicht muss er lernen, Schwierigkeiten auszuhalten. Vielleicht muss er tatsächlich gehen und an anderer Stelle neu anfangen. Aber bevor eine Ausbildung endgültig scheitert, sollte wenigstens jemand versucht haben herauszufinden, was eigentlich los ist.

Denn junge Menschen brauchen weder eine Arbeitswelt, die ihnen sämtliche Schwierigkeiten aus dem Weg räumt, noch eine Arbeitswelt, die sagt: „Da mussten wir alle durch.“ Sie brauchen Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen – und gleichzeitig bemerken, wenn sie gerade den Boden unter den Füßen verlieren.

Das wäre für mich zeitgemäße Ausbildung.

Und vielleicht wäre genau das auch ein ziemlich wirksamer Beitrag gegen den Fachkräftemangel.

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Quellen: Grundlage dieses Beitrags ist die 2026 veröffentlichte Studie „Mentale Gesundheit in der Ausbildung: psychische Belastungen und Unterstützungsangebote aus Sicht von Auszubildenden und Unternehmen“ der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft. Für die Perspektive der Auszubildenden wurden 929 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren in dualer Ausbildung repräsentativ befragt; zusätzlich flossen Daten aus einer Befragung von 1.188 Unternehmen ein.