Was die aktuellen Zahlen über Jugendkriminalität tatsächlich sagen – und was Jugendliche jetzt brauchen

Jugendliche prügeln sich. Jugendliche tragen Messer. Jugendliche respektieren keine Grenzen mehr. Und überhaupt: „So schlimm wie heute war es früher nicht.“ Wer regelmäßig Nachrichten oder soziale Medien verfolgt, kann schnell den Eindruck bekommen, dass Gewalt unter Jugendlichen immer weiter zunimmt. Doch stimmt das wirklich?

Die aktuellen Zahlen zeichnen ein wesentlich differenzierteres Bild. Es gibt Entwicklungen, die ernst genommen werden müssen. Es gibt Jugendliche, die wiederholt und teilweise massiv gewalttätig werden. Und es gibt Opfer, deren Leid in keiner Statistik relativiert werden darf. Aber es gibt eben auch einen Unterschied zwischen einer sachlichen Auseinandersetzung mit Jugendgewalt und der pauschalen Behauptung, eine ganze Generation werde immer gewalttätiger.

.

Was bedeutet eigentlich Jugendkriminalität?

Zunächst einmal ist Jugendkriminalität nicht gleich Jugendgewalt. Nach dem Jugendgerichtsgesetz gilt als Jugendlicher, wer zum Zeitpunkt einer Tat mindestens 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist. Das Jugendstrafrecht verfolgt dabei ausdrücklich nicht ausschließlich einen Strafgedanken. Sein Ziel ist vor allem, weiteren Straftaten entgegenzuwirken; die Reaktion soll deshalb grundsätzlich am Erziehungsgedanken ausgerichtet sein. Unter Jugendkriminalität fallen außerdem sehr unterschiedliche Delikte: Diebstahl, Sachbeschädigung, Beleidigung, Körperverletzung, Raub und viele andere Straftaten. Wenn öffentlich über Jugendkriminalität gesprochen wird, entsteht dagegen häufig der Eindruck, es gehe fast ausschließlich um schwere Gewalttaten.

Das ist falsch.

.

Was sagen die Zahlen für 2025?

Besonders interessant ist ein Blick auf die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik. Im Jahr 2025 registrierte die Polizei bundesweit 29.070 Jugendliche als Tatverdächtige im Bereich der Gewaltkriminalität. 2024 waren es noch 31.383. Das entspricht innerhalb eines Jahres einem Rückgang von 7,4 Prozent. Auch bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung ging die Zahl jugendlicher Tatverdächtiger zurück – von 24.339 im Jahr 2024 auf 22.768 im Jahr 2025. Auch die Zahl aller polizeilich registrierten jugendlichen Tatverdächtigen sank deutlich: von 192.863 im Jahr 2024 auf 172.770 im Jahr 2025.

Damit ist die Situation keineswegs harmlos, aber die Aussage „Jugendliche werden immer gewalttätiger“ lässt sich mit den aktuellen Zahlen eben auch nicht belegen.

.

Nach Corona gab es einen deutlichen Anstieg

Ganz vom Tisch wischen sollte man die Sorge dennoch nicht. Die Zahl der Jugendlichen, die wegen Gewaltkriminalität als tatverdächtig registriert wurden, lag 2020 bei rund 22.000. Nach einem weiteren Rückgang 2021 stieg sie deutlich an und erreichte 2024 mehr als 31.000. 2025 ging sie erstmals wieder spürbar zurück.

Das Deutsche Jugendinstitut weist darauf hin, dass für die zeitweisen Anstiege unterschiedliche Ursachen diskutiert werden. Dazu gehören unter anderem psychische Belastungen und beeinträchtigte soziale Entwicklungsprozesse während und nach der Corona-Pandemie sowie weitere gesellschaftliche Krisen. Gleichzeitig können auch ein verändertes Anzeigeverhalten und eine stärkere Sensibilität für Gewalt die Polizeistatistik beeinflussen.

Genau deshalb sollte man vorsichtig sein, aus einzelnen Jahreszahlen einfache gesellschaftliche Erklärungen abzuleiten.

.

Polizeistatistik bedeutet nicht automatisch tatsächliche Kriminalität

Auch etwas anderes wird in Diskussionen häufig vergessen: Die Polizeiliche Kriminalstatistik bildet das sogenannte Hellfeld ab. Sie zeigt also Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind, und Personen, die als Tatverdächtige ermittelt wurden. Tatverdächtig bedeutet außerdem nicht verurteilt. Und was nicht angezeigt oder von der Polizei festgestellt wird, erscheint in dieser Statistik überhaupt nicht. Deshalb ziehen Fachleute zusätzlich sogenannte Dunkelfeldstudien heran, in denen Jugendliche anonym nach eigenen Taten und Gewalterfahrungen gefragt werden. Auch dort ergibt sich kein einfaches Bild.

Im Niedersachsensurvey 2024 berichteten 6,7 Prozent der befragten Neuntklässlerinnen und Neuntklässler, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens eine Gewalttat begangen zu haben. Dieser Wert lag unter mehreren früheren Erhebungen. Gleichzeitig berichteten 1,8 Prozent, fünf oder mehr Gewaltdelikte begangen zu haben.

Das bedeutet: Die große Mehrheit der Jugendlichen ist nicht gewalttätig. Aber es gibt eine kleinere Gruppe, bei der sich problematisches oder gewalttätiges Verhalten verfestigen kann. Und genau dort müssen wir hinschauen.

.

Jugenddelinquenz ist häufig eine Episode

Eine wichtige Erkenntnis der Jugendkriminologie passt nur selten in Schlagzeilen: Bei vielen jungen Menschen bleiben Regelverletzungen oder Straftaten eine vorübergehende Episode des Jugendalters.

Das Deutsche Jugendinstitut beschreibt Delinquenz im Jugendalter überwiegend als ein häufig vorkommendes und episodenhaftes Phänomen. Gleichzeitig gibt es eine kleinere Gruppe mehrfach auffälliger Jugendlicher, bei denen sich Delinquenz verfestigt. Gerade diese Jugendlichen weisen häufig zusätzliche schulische, familiäre oder sozial-emotionale Belastungen auf.

Auch die Polizeiliche Kriminalprävention weist darauf hin, dass sich viele Verfehlungen im Verlauf des Reifungsprozesses wieder verlieren. Das bedeutet nicht, Straftaten zu verharmlosen. Es bedeutet lediglich, einen 15-Jährigen nicht aufgrund einer Tat bereits als lebenslangen Gewalttäter abzuschreiben.

.

Warum werden Jugendliche gewalttätig?

Die eine Ursache gibt es nicht. Gewalt entsteht selten dadurch, dass morgens ein friedlicher Jugendlicher aufsteht und plötzlich beschließt, fortan gewalttätig zu sein. Meist treffen mehrere Belastungsfaktoren zusammen. Die Polizeiliche Kriminalprävention nennt beispielsweise Gewalterfahrungen im familiären Umfeld, Gruppendruck, fehlende Strukturen, Unsicherheit während des Erwachsenwerdens und andere länger anhaltende problematische Einflüsse.

Hinzu kommen je nach Jugendlichem:

  • fehlende Perspektiven,
  • schulisches Scheitern,
  • problematische Peergroups,
  • geringe Impulskontrolle,
  • psychische Belastungen,
  • familiäre Konflikte,
  • fehlende Zugehörigkeit,
  • mangelnde Anerkennung
  • oder das Gefühl, ohnehin nichts mehr verlieren zu können.

Diese Faktoren entschuldigen Gewalt nicht, aber wer Gewalt verhindern will, muss verstehen, wodurch sie entsteht.

.

Ein Punkt wird in der Diskussion häufig vergessen: Jugendliche sind auch Opfer

Wenn über Jugendgewalt gesprochen wird, sprechen wir meist über Täter. Dabei sind junge Menschen selbst überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Im Niedersachsensurvey 2024 berichtete etwa jeder fünfte befragte Jugendliche, innerhalb des vorherigen Jahres Opfer einer Gewalttat geworden zu sein. Am häufigsten wurden Gleichaltrige als Täter genannt.

Auch der bundesweite DJI-Survey AID:A zeigt eine erhebliche Belastung: 13,7 Prozent der befragten 12- bis 17-Jährigen berichteten 2023 von körperlicher Gewalt in den vorherigen Monaten. Gerade bei Jugendgewalt existiert außerdem ein Phänomen, das Fachleute als Täter-Opfer- beziehungsweise Opfer-Täter-Statuswechsel beschreiben: Ein Teil der Jugendlichen erlebt selbst Gewalt und übt gleichzeitig Gewalt gegen andere aus.

Wer ausschließlich den Täter sieht, übersieht manchmal also einen erheblichen Teil seiner Geschichte.

.

Gewalt braucht Konsequenzen

Pädagogische Erklärungen werden manchmal missverstanden. Als würde Verständnis bedeuten, Verhalten zu entschuldigen. Das Gegenteil ist richtig. Wenn ein Jugendlicher einen anderen Menschen schlägt, bedroht oder beraubt, braucht dieses Verhalten eine klare Reaktion. Jugendliche brauchen Grenzen. Sie müssen erleben, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Und sie müssen lernen, Verantwortung für das zu übernehmen, was sie anderen Menschen zugefügt haben. Auch das Jugendgerichtsgesetz verbindet deshalb ausdrücklich Erziehung und Konsequenz. Je nach Tat und Situation kommen Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel oder Jugendstrafe in Betracht. Aber Konsequenzen allein verändern noch keinen jungen Menschen.

.

Wir brauchen früheres Eingreifen

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie können wir Jugendliche härter bestrafen?“ Die wichtigere Frage lautet:

Wie verhindern wir, dass ein junger Mensch überhaupt an den Punkt kommt, an dem Gewalt für ihn zur Lösung wird?

Denn viele Entwicklungen kündigen sich lange vorher an. Ein Jugendlicher zieht sich zurück. Die Schule funktioniert nicht mehr. Konflikte zu Hause eskalieren. Er verbringt zunehmend Zeit in problematischen Gruppen. Regeln verlieren ihre Bedeutung. Frustration wird zu Aggression. Aggression wird zu Gewalt. Spätestens hier darf Unterstützung nicht erst beginnen, wenn Polizei und Jugendgericht eingeschaltet werden. Eltern, Schule, Jugendhilfe und andere Bezugspersonen müssen früher reagieren. Nicht mit Panik – aber mit Klarheit.

.

Jugendliche brauchen Grenzen – und jemanden, der hinter die Grenze schaut

In meiner Arbeit mit Jugendlichen erlebe ich immer wieder, wie wichtig beides gleichzeitig ist: klare Grenzen und echtes Interesse am Menschen dahinter. Ein Jugendlicher muss erfahren: „Was du getan hast, ist nicht in Ordnung.“ Aber er muss gleichzeitig erfahren: „Du bist mehr als das, was du getan hast.“

Denn gerade Jugendliche, die ständig Ablehnung erleben, reagieren nicht automatisch mit Einsicht auf noch mehr Ablehnung. Manche reagieren mit noch mehr Härte. Wer Verhalten verändern möchte, muss deshalb Verantwortung einfordern und gleichzeitig Beziehung ermöglichen. Das ist kein Widerspruch. Es ist häufig die Voraussetzung dafür, dass Veränderung überhaupt möglich wird.

.

Sollten wir die Strafmündigkeit absenken?

Nach schweren Straftaten durch Kinder taucht regelmäßig die Forderung auf, die Strafmündigkeitsgrenze unter 14 Jahre zu senken.

Nach geltendem Recht beginnt die strafrechtliche Verantwortlichkeit grundsätzlich mit 14 Jahren. Selbst bei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren prüft das Jugendgerichtsgesetz zusätzlich, ob ein Jugendlicher nach seiner Entwicklung reif genug war, das Unrecht seiner Tat einzusehen und entsprechend zu handeln.

Über eine Veränderung dieser Grenze kann eine Gesellschaft selbstverständlich diskutieren. Aber wir sollten uns nicht vormachen, dass eine niedrigere Strafmündigkeit automatisch die Ursachen von Gewalt beseitigt. Ein zwölfjähriger Junge mit massiven familiären Problemen, jahrelanger Gewalterfahrung, schulischem Scheitern und einer hochproblematischen Peergroup verändert sein Verhalten nicht allein deshalb, weil wir ihn früher strafrechtlich verfolgen können.

Die entscheidende Aufgabe bleibt dieselbe: früh erkennen, früh handeln, Eltern unterstützen, Schulen stärken, Jugendhilfe erreichbar machen und dort klare Grenzen setzen, wo Grenzen überschritten werden.

.

Mein Fazit als DER JUGENDCOACH

Nein – unsere Jugendlichen werden nicht pauschal immer gewalttätiger.

Die langfristige Entwicklung der Jugendgewalt ist deutlich komplexer. Nach erheblichen Anstiegen in den Jahren nach der Pandemie sind die Zahlen 2025 bei Jugendlichen wieder zurückgegangen. Das Deutsche Jugendinstitut kommt in seiner aktuellen Auswertung sogar zu dem Schluss, dass die langfristige Entwicklung trotz zwischenzeitlicher Ausschläge insgesamt positiv ist.

Das ist jedoch kein Grund, Jugendgewalt kleinzureden. Jedes Opfer ist eines zu viel. Und jeder Jugendliche, dessen Aggressionen sich zu einem dauerhaften Verhaltensmuster entwickeln, braucht frühzeitig Menschen, die handeln.

Deshalb halte ich wenig von zwei Extremen:

Jugendliche pauschal als immer brutaler darzustellen ist genauso wenig hilfreich wie Gewalt ausschließlich mit schwierigen Lebensumständen zu entschuldigen. Jugendliche brauchen Unterstützung. Jugendliche brauchen Orientierung. Und manchmal brauchen Jugendliche sehr deutliche Konsequenzen.

Wer Grenzen überschreitet, braucht klare Grenzen.
Wer Hilfe braucht, muss sie bekommen.

Beides gehört zusammen.

.

.


Quellen:
Bundeskriminalamt (BKA): Polizeiliche Kriminalstatistik 2025, insbesondere Entwicklung der tatverdächtigen Jugendlichen und der Gewaltkriminalität.
Deutsches Jugendinstitut (DJI), Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention: Zahlen – Daten – Fakten Jugendgewalt, Aktualisierung Juni 2026.
Deutsches Jugendinstitut: Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention – Delinquenz und Viktimisierung junger Menschen.
Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Jugendliche als Täter von Gewalttaten sowie Informationen zu Ursachen und Prävention von Jugendgewalt.
Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz: Jugendgerichtsgesetz, insbesondere §§ 1–3 JGG.