In den sozialen Medien kursiert aktuell ein Beitrag, der viele Eltern überrascht, manche Jugendliche empört und zahlreiche Kommentatoren sofort polarisiert hat:

Kinder und Jugendliche seien laut §1619 BGB verpflichtet, im Haushalt mitzuhelfen. Sogar konkrete Stundenangaben werden genannt. Und plötzlich steht eine Frage im Raum, die weit größer ist als Putzen, Spülmaschine oder Müll rausbringen:

Was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, in der junge Menschen kaum noch echte Verantwortung übernehmen müssen?

Als Jugendcoach begleite ich seit vielen Jahren Jugendliche, die orientierungslos, antriebslos oder innerlich leer wirken. Und nein – die Ursache liegt nicht einfach nur in TikTok, Computerspielen oder mangelnder Disziplin. So einfach ist es nicht. Aber ich beobachte etwas anderes sehr deutlich:

Viele Jugendliche erleben heute kaum noch, dass sie gebraucht werden.

Sie konsumieren. Sie funktionieren und sie werden bespielt.
Aber sie erleben selten, dass ihr Beitrag einen echten Unterschied macht.

Früher war Mithilfe im Alltag selbstverständlich. Nicht immer perfekt und 100%ig umgesetzt, aber Kinder hatten Aufgaben, übernahmen Verantwortung und somit einen Platz innerhalb des Familiensystems.

Heute dagegen geraten Eltern schnell unter Rechtfertigungsdruck, wenn sie von Jugendlichen Verlässlichkeit einfordern. Schon kleine Erwartungen werden manchmal als „Überforderung“ interpretiert.

Dabei ist Verantwortung kein Angriff auf die Freiheit eines Jugendlichen. Sie ist oft die Voraussetzung dafür, überhaupt innere Stabilität zu entwickeln.

Wer nie Verantwortung tragen muss, entwickelt häufig auch kein echtes Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Und genau hier liegt aus meiner Sicht eines der großen Probleme unserer Zeit.

Viele Jugendliche erleben Erfolg heute fast nur noch digital: Likes. Punkte. Rankings. Aufmerksamkeit. Das reale Leben dagegen wirkt oft anstrengend, langsam und wenig belohnend. Geschirrspüler ausräumen bringt keine Herzen auf Instagram. Einkaufen für die Familie erzeugt keinen Dopaminrausch wie ein Smartphone.

Aber genau dort beginnt Lebenstüchtigkeit, denn zum ECHTEN Leben gehört die Fähigkeit, sich einzubringen, mitzutragen, nicht nur Ansprüche zu haben, sondern Teil eines Ganzen zu sein.

Interessanterweise erlebe ich in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen oder während gemeinsamer Workshops häufig etwas ganz anderes als das, was Erwachsene erwarten würden: Viele genießen echte Aufgaben sogar. Arbeiten fleißig mit, reparieren etwas mit Hingabe oder übernehmen ohne Auftrag Verantwortung.

Jugendliche sehnen sich nach Bedeutung, denn tief im Menschen steckt das Bedürfnis, wirksam zu sein.

Natürlich darf Mithilfe nicht in Ausbeutung umschlagen. Natürlich müssen Schule, psychische Belastungen oder individuelle Grenzen berücksichtigt werden. Und selbstverständlich gibt es Familien, in denen Jugendliche bereits viel zu viel tragen müssen.

Aber vielleicht sollten wir uns trotzdem trauen, eine unbequeme Frage zu stellen:

Haben wir aus Angst vor Konflikten eine Generation geschaffen, die immer weniger übt, Verantwortung zu tragen?

Vielleicht ist nicht jede Pflicht automatisch Unterdrückung.
Vielleicht ist manche Zumutung sogar Entwicklung.

Und vielleicht brauchen Jugendliche heute nicht nur mehr Unterhaltung, mehr Therapie oder mehr Medienkompetenzseminare.

Vielleicht brauchen sie wieder mehr echte Aufgaben.
Mehr Beteiligung am wirklichen Leben.
Mehr Momente, in denen sie spüren: „Ich werde gebraucht.“